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Warnung vor Schiedsleuten.

Donnerstag, 29. Januar 2009 | Autor: Michael

Gut, nicht vor allen.

Aber generell gilt:

1. Nie eine Schiedsfrau/einen Schiedsmann einen Vergleich formulieren lassen. Der ist nie vollstreckbar, und aus dem Vergleich muss man/Frau dann wieder neu losklagen. Beliebt sind Formulierungen wie “Herr A wird nie mehr Frau B verletzen”, “Die Parteien sind sich einig, dass die Ąste abgeschnitten werden sollen” usw.

2.  Nehmen Sie nie einen Anwalt mit zum Schiedstermin im Nachbarrecht. Sie verlieren! Oder warten Sie: wegen den Ausführungen zu 1. vielleicht doch besser. Allerdings werden Sie mit Anwalt erleben, was für eine miese Type Sie doch sind. Und Ihr Anwalt sowieso. Der heisst da auch nur “Rechtsbeistand” und sagen darf er sowieso nichts.

3. Nehmen Sie nie das Nachbarrechtsgesetz Ihres Bundeslandes mit in den Termin. Wozu? Das Gesetz wird sowieso nicht angewendet und Sie gelten nur als Besserwisser. Schiedsleute lachen Sie aus wenn Sie sich auf das Gesetz berufen. Sie selbst – die Schiedsleute – tun es nur, wenn Sie merken, ein Zwangsvergleich klappt nicht – dann berufen sie sich auf ausgedachte Normen.

4. Nehmen Sie viel Zeit mit. Unter 3 Stunden ist ein Schiedstermin nicht zu schaffen. Wenn Sie nach 2 Stunden Vergleichsgefasel gedacht haben, endlich ist alles erledigt, muss Schiedsmensch noch immer das Protokoll mit dem Vergleichstext ausfüllen. Und dann beginnt alles wieder von vorne. Und nur bis zu diesem Zeitpunkt haben Sie gedacht, Sie wären sich mit Ihrem Widersacher einig. Falsch gedacht!

5. Wundern Sie sich nicht, wenn der Schiedsleut plötzlich einen ganz anderen Sachverhalt verhandelt als von Ihnen beantragt. Geht es Ihnen etwa darum, zu verhindern, dass Ihr Nachbar wie ein wild gewordener Brutalogärtner noch einmal plötzlich Ihren halben Garten in einer Nacht- und Nebelaktion abholzt, dann bleiben Sie ruhig, wenn die Schiedsfrau/der Schiedsmann Ihnen beim Ortstermin wiederholt erläutert, es gehe wie immer um “zu hohe Pflanzen im Grenzstreifen.”

6. Ihr Anwalt – sofern er überhaupt als solcher anerkannt wird, s.o. – darf sich darauf einstellen, dass seine Verlegungsanträge verpuffen. Schiedsleute terminieren oft auf einen Mittwoch- oder Freitagabend, wohl wissend, dass Anwalt da oft nicht kann. Oder mag. Jedenfalls bringt ein Verlegungsantrag nichts; die Schiedsordnungen der Länder kennen, anders als die ZPO, so einen Unfug nicht. Und, siehe oben, ohne Anwalt geht es sowieso viel besser.

Zusammengefasst gilt also: Meiden Sie Schiedsverfahren. Sofern das Landesschlichtungsgesetz ein erfolglos durchgeführtes Schlichtungsverfahren für die Zulässigkeit einer Klage verlangt, geben Sie einfach auf. Ziehen Sie um, wenn der Nachbarbewuchs Sie zugrünt. Sollten Sie beleidigt oder verprügelt werden: haken Sie es ab. Sollten Sie die Ladung zu einem Schiedstermin bekommen, tun Sie einfach, was Ihr Nachbar will. Denn sonst kann es nur noch schlimmer kommen.

Thema: Berufliches, Unspießiges | 8 Kommentare

Über den Wolken: grenzenlose Freiheit.

Donnerstag, 27. November 2008 | Autor: Michael

Fliegen ist immer wieder ein Erlebnis. Im Anschluss ein einen außerordentlich bemerkenswerten Gerichtstermin letztens sollte ich dann nach Hause zurückfliegen.  Auf meinem Ticket prangte 8A, also ein Fensterplatz. Im Gang angekommen stellte ich fest, dass dieser Platz frei war. Auf 7A saß eine nicht nur etwas dickliche Dame. Vor mir stand, Höhe Reihe 7, ein Jüngling. Dieser blickte auf sein Ticket, dann zur Dame und bemerkte laut und vernehmlich, er sei 7A. Dies führte zu einer nicht unerheblichen Diskussion, da die Dame darauf bestand, ebenfalls ein Ticket mit 7A zu besitzen. Seisdrum. Die Stewardess, flugs herbeigeeilt ob der mittlerweile lautstarken Diskussion löste das Problem pragmatisch. Zum Jüngling gewandt, sagte sie, er möge sich doch dann auf 8A setzen.

Nun bin ich ja durchaus tolerant, aber stehen während des Fluges wollte ich dann doch nicht. Ich warf daher keck ein “Ich bin 8A” – woraufhin mich allerdings die Umstehenden (vermutlich bis zur Gangway hin) hasserfüllt anstarrten. Kein Problem. “Egal, setzen Sie sich dahin”, deutete ich dem Jüngling und verwies auf 8A, um mich dann, nach erleichterten Aufseufzen aller Zuhörer, mich auf 8B zu setzen, angespornt von der Bemerkung der Stewardess, die Maschine sei sowieso nicht gaaanz ausgebucht. Auch gut.

Weniger gut war dann, dass, nachdem ich auf 8B Platz genommen und mich in das Hamburger Abendblatt vertieft hatte, ein Nachzügler – anscheinend hatte die Crew auf den verspäteten Passagier noch gewartet – hechelnd an meiner Seite erschien, halb freudig halb wütig mit einem 8B Ticket wedelte. Ich verwies elegant auf die nun nicht mehr anwesende Stewardess und versuchte mit dem Satz “Hier ist freie Platzwahl” mir ein wenig Rückendeckung zu verschaffen. Das funktionierte.. halbwegs. Der Verspätungsmann warf sich auf Platz 8C – der frei war… – und damit zugleich auf meine dort abgelegten Teile des Hamburger Abendblattes. Er erwies sich dann immerhin als so freundlich, auf meine Bitte hin seinen Allerwertesten nochmals zu erheben, um mir die Lektüre zurückholen zu können. Auch gut.

Allerdings war mir nun die Lust auf die Zeitung vergangen. Auch der Platz übrigens, denn um das Abendblatt auf meinem Mittelplatz lesen zu können, hätte aufgrund der Flügelspannweite der Zeitung mindestens ein Platz neben mir frei sein müssen. Ich legte sie also auf meinen Schoß und ergriff ein grad neu erworbenes Büchlein, als der Verspätungsmann mich fragte: “Lesen Sie die Zeitung noch?” Ja, später, erwiderte ich, aber er könne sie gerne bis dahin lesen (und dachte dabei an die frei werdenden Kubikzentimeter auf meinem Schoߟ). Kaum erleichtert um die Zeitung und vertieft in mein Buch, hörte ich von rechts ein laut vernehmliches “Raaatsch”. Ich sah, wie der Verspätungsmann das Kreuzworträtsel aus meinem Abendblatt herausriss. Nun benätige ich dieses nicht zwingend zur Unterhaltung, dachte kurz über eine Bemerkung nach, unterließ es und las weiter. “Raaatsch”. Mein Nachbar zur Rechten hatte beschlossen, auch die Anzeige einer Supermarktkette aus der Zeitung zu entfernen. “Sie”, sagte ich, “Sie. Ich wollte die Zeitung eigentlich noch lesen.” Ach so, sagte der Verspätungsmann. Das habe er nicht gewusst. Und legte mir die mittlerweile leicht zerrissene Zeitung wieder auf meinen Schoß. Auch gut.

Ich las weiter. Die Tatsache, dass der Jüngling mittlerweile, kaum dass die Maschine in der Luft war, lautstark mit seiner Freundin via Handy telefonierte, störte mich eigentlich nicht. Auch sonst übrigens niemand, auch die Stewardessen nicht (die waren mit dem Verteilen von Laugenstangen beschäftigt). Eher empfand ich es als störend, dass der Verspätungsmann mitlas. In meinem Buch. Sein Blick war starr auf die Seiten gebannt. Nun kann man das durchaus als Kompliment empfinden, handelt es sich doch um ein wirklich ganz hervorragendes Werk von herausragenden Künstlern. Allerdings ertappte ich mich dabei, beim Umblättern der Seiten auf den Nachbarn zur Rechten Rücksicht zu nehmen. Ich war beim Lesen offenkundig schneller als er. Das bemerkte ich an seinen Stirnfalten, die er zog, als ich umblättern wollte. Ich tat zunächst so, als hätte ich es nicht bemerkt, blätterte aber anstandshalber kurz zurück, um ihn die Seite zu Ende lesen zu lassen. Bei Seite 22 angekommen, hielt ich es aber nicht mehr aus. “Kaufen Sie es doch auch”, platzte es aus mir heraus. “Ach nein”, sagte der Verspätungsmann, “wissen Sie, ich mache mir nichts aus Büchern. Ich lese lieber Zeitungen.” Ich verkniff es mir, “die anderer Leute” zu sagen. Nebenan schrie der Jüngling seine Freundin an, via Handy. Nein. Ich will doch über den Wolken nicht spießig erscheinen.

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