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Iudex calculat. Gehälter von Richtern und Anwälten.

Mittwoch, 21. Januar 2009 | Autor: Michael

In der FAZ findet sich ein interessanter Artikel zur Frage der Angemessenheit der Richterbesoldung in diesem Land, und zwar hier.

Verwiesen wird zutreffend auf ein Musterverfahren in Schleswig-Holstein, wo der Deutsche Richterbund versucht, auf dem Klageweg den Gesetzgeber davon zu überzeugen, er möge die Richtereinkommen erhöhen.

Interessant sind vor allem diese Ausführungen:

“Aber mit wem ist der Richter zu vergleichen? Nicht zu Unrecht weist der Richterbund darauf hin, dass Richter und Staatsanwälte regelmäߟig (wenn auch bei weitem nicht immer) zwei Prädikatsexamina vorweisen müssen. Also vergleicht man sich mit gehobenen Positionen etwa bei Banken und Versicherungen und mit Anwälten in größeren Kanzleien. Die Unternehmensberatung wertete 1156 Gehaltsdaten von Unternehmensjuristen und 235 Daten von Anwälten bis zum Jahr 2007 aus. Sie kam für juristische Führungskräfte der 1. Ebene auf ein durchschnittliches Jahreseinkommen zwischen 113 000 und 130 000 Euro, bei Fachkräften ohne Führungsverantwortung auf 57 000 bis 62 000 Euro. Bei den Seniorpartnern von Kanzleien habe das Einkommen 164 000 bis 287 000 Euro betragen; bei den Associates 55 000 bis 101 000 Euro. Die Einkommen seien von 1992 bis 2007 um 20 Prozent bei den Juniorpartner und um 51 Prozent bei den Seniorpartnern gestiegen. Dagegen ständen der R1-Richter mit gut 47 000 und der R2-Richter mit gut 66 000 Euro Jahreseinkommen da. Gestiegen sei es im gleichen Zeitraum um knapp 20 Prozent; nach dem Jahr 2002 sei es sogar zu Einkommenseinbußen gekommen.”

Im Hinblick auf die extreme Verantwortung, die eine Richterin/ein Richter hat, habe ich seit Jahren überhaupt keine Zweifel daran, dass die Besoldung um mindestens ein Drittel nach oben angepasst werden muss. Viele Vergünstigungen (Weihnachtsgeld; teilweise Beihilfevorteile) wurden auch noch gestrichen. Die Belastung der Richter hat durch behördeninterne Umverteilung von Aufgaben und zweifelhafte Pensenschlüsselberechnungen erheblich zugenommen; Verwaltungsrichter vielleicht einmal ausgenommen.

Aber: der Artikel impliziert ein wenig (der Vergleich wird letztlich wegen der Examensnoten angestellt), dass das anwaltliche Jahreseinkommen bei 55.000 Euro beginnt. Das ist für ca. 90% der deutschen Anwältinnen und Anwälte absurd. Befragt wurden auch nur Anwälte in gröߟeren Kanzleien. Für diese mag das Ergebnis fraglos stimmen. Jedoch: sie sind die Ausnahme. Der Groߟteil der bundesdeutschen Anwälte arbeitet noch immer in Einer- oder Zweierkanzleien, vielleicht Bürogemeinschaften aus drei oder vier Anwälten – und diese können von einem Einkommen von 55.000 Euro nur träumen. Die Schere zwischen arm und reich klafft gerade in unserer Branche extrem auseinander, sie wird immer gröߟer. Zu viele Anwälte drängen auf einen Markt, der schon lange Zeit übersättigt ist.

Interessant ist übrigens der Schlusssatz, wonach es selten vorkomme, dass Richter in den Anwaltsberuf wechseln würden. M.E. kommt dies öfter vor als man denkt, wenngleich umgekehrt Anwälte, wenn möglich, in jungen Jahren oft Richter werden, diese Variante also deutlich häufig vorkommt. Aber spontan fallen mir gleich diverse Richter ein, die nach ihrer Pensionierung in den Anwaltsberuf wechselten. Auch in “jüngeren Jahren” ist es keine Seltenheit – gerade Richter, die erfolgreich als Autoren in Erscheinung getreten sind, wechseln dann in Großkanzleien und verdienen dort dann mehr als das Vierfache. Bei oft gleicher “Wochenarbeitsstundenzahl” (60 – 70 h).

Thema: Berufliches | Beitrag kommentieren

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