Vergleichen Sie sich gefälligst.
Donnerstag, 28. August 2008 | Autor: Michael
Gerichtssaal, irgendwo in Deutschland. Die Parteien und ihre Anwälte treten ein. Hinter dem Richtertisch ein Richter, mittleres Alter, plus Referendarin.
Richter (R): Guten Tag, nehmen Sie Platz. Wir verhandeln heute in der Sache der Frau A gegen Herrn B wegen Rückzahlung einer Darlehensforderung. Erschienen sind (R mustert die Parteien) Frau A, vertreten durch Herrn Rechtsanwalt X und Herr B, vertreten durch Frau Rechtsanwältin Y.
Frau A und Herr B: Guten Tag. (X und Y nicken R zu)
R: Also eigentlich ist das hier eine klare Sache. Sie Frau A, haben Herrn B, offenbar ihrem Ex-Lebensgefährten, 4.000 Euro geliehen, und Herr B hat davon nur bislang 200 Euro zurückgezahlt. Der Restbetrag von 3.800 Euro war schon vor über einem Jahr fällig. Und Sie, Herr B, behaupten nun, Frau A hätte mündlich Ihnen gegenüber auf diesen Betrag verzichtet?
B: Ja.
R: Aha. Ja, und wie wollen Sie das bitte beweisen? Von Zeugen habe ich in den Schriftsätzen ihrer Anwältin nichts gelesen.
B: Aber es war so. Sie hat später bei einer Feier von Freunden darauf verzichtet.
R: Na gut. Nun sind wir ja hier in der Güteverhandlung. Ein langer Prozess kann teuer werden und Nerven kosten. Ich würde Ihnen ja dringend eine Einigung vorschlagen. Driiiiiiingend.
(A schüttelt den Kopf und flüstert etwas zum Anwalt X)
X: Herr Vorsitzender, meine Mandantin möchte sich nicht vergleichen.
R: Sie haben ja noch nicht einmal meinen Vorschlag gehört.
X: Ach so, ja, wie haben Sie sich das denn vorgestellt mit dem Vergleich?
R: Herr B zahlt an Ihre Mandantin die Hälfte. 1900 Euro, notfalls in Raten.
(A schüttelt heftig mit dem Kopf und flüstert X erneut etwas zu)
X: Das ist für uns nicht akzeptabel.
A: Darf ich was sagen?
R: Was denn?
A: Ich .. sehe nicht ein.. wieso. Ich brauche das Geld dringend, kann nicht einmal mehr die Miete bezahlen. Er hat mir versprochen, er zahlt es sofort zurück, statt dessen… ich hab ja nicht mal mehr was zum Leben nach, mein ganzes Erspartes…
X (fällt ins Wort): Herr Vorsitzender, für einen solchen Vergleich gibt es doch keine Veranlassung – Sie sagten doch selbst, Herr B hat keine Chancen und muss zahlen.
R (leicht erhobene Stimme): Herr X. Eins kann ich Ihnen jetzt schon sagen: mit einem Urteil befrieden Sie diese Parteien mit dieser Vorgeschichte nicht.
X: Was für eine Vor…
R (unterbricht) : In Sachen wie diesen macht ein Urteil nun überhaupt keinen Sinn. Ich weiß ja, dass Anwälte primär ihre Gebühren im Kopf haben…
X (unterbricht): also ich weiß wirklich nicht was…
Y (schüttelt mit dem Kopf und lacht) : Das tut nichts zur Sache, wir sind vergleichsbereit..
R: … aber hier geht es doch um darum, dass die Parteien sich dauerhaft einigen und zur Ruhe finden.
A (holt Taschentuch aus der Tasche und beginnt zu schneuzen; X legt Hand auf ihren Arm): Ich will doch nur das was mir zusteht…
R:…. das kriegen Sie sowieso nicht bei mir. In dieser Sache mache ich Ihnen kein Urteil, da können Sie von träumen.
A (schluchzt): …was soll ich denn bloß machen..
X: Also das geht so wirklich nicht. Ich stelle jetzt meinen Antrag.
R: und dann? Und dann? Glauben Sie wirklich dass Ihre Mandantschaft mit einem Urteil glücklich wird? Sie sollten sich wirklich einigen. Sehen Sie doch, wie Ihre Mandantin sich schon jetzt aufregt. Wenn der Prozess noch länger dauert wird es noch viel schlimmer.
A (heulend, ins Taschentuch trompetend): Aber ich weine doch nur weil ich hier nicht mein ganzes Geld bekommen soll und ich weiß nicht warum…
R (zu X): Sehen Sie? Sehen Sie??? Also sowas hab ich noch nicht erlebt. Nun reden Sie doch mal mit ihr. Die Frau ist doch völlig fertig, sehen Sie nicht wie sie das hier alles belastet?
X (zu A): Ja.. wollen Sie sich denn einigen?
A (weinend): neeieiiin.. will nur mein Geld…
R (haut mit Faust auf den Tisch): Also soviel Sturheit ist mir ja hier noch nicht untergekommen. Verdammt nochmal, jetzt vergleichen Sie sich endlich, sonst werd ich wirklich noch wütend. Das ist ja zum Ausrasten!!
X (zu A, flüsternd): ..die Hälfte ist doch auch etwas…
A (heulend): Ich kann nicht mehr.. ich will hier raus..
X (flüsternd): …dann lassen Sie uns schnell vergleichen..
R: Höre ich da etwas raus zur Einigungsbereitschaft? Das wäre ja nun wirklich einmal was Erfreuliches heute..
X: Ich denke, sie möchte sich auch einigen.
A (zitternd, heulend): will mein Geld….
R: Sehr schön. Die Parteien schließen dann zur Erledigung des Rechtsstreits folgenden Vergleich: Der Beklagte zahlt an die Klägerin einen Betrag von 1.900 Euro. Die Kosten des Rechtsstreits einschließlich des Vergleichs werden gegeneinander aufgehoben. (spult das Diktat noch einmal zurück und lässt das Diktatband mit dem Vergleichstext nochmal laufen, wendet sich dann nickend an alle) Soo richtig?
X, Y und B nicken, A schluchzt.
R: Gut. Vorgespielt und genehmigt. Vielen Dank. Ich bin sicher, das war eine gute und richtige Lösung. (steht auf) Kommen Sie alle gut nach Hause.


LOL. Nein, eigentlich HEUL.
Ich sag’s ja, das deutsche Rechtssystem ist … genau.
Ist das wirklich so passiert????
Biggi, ich glaube, das willst du gar nicht wirklich wissen.
Also ehrlich gesagt, hätte ich nicht gefragt, wenn ich es nicht wissen wollen würde.
Seufz.
Es ist.
OMG!
Ich musste mich ja auch mal vergleichen, weil der Richter den Typen nicht als Betrüger kannte und sagte: “Ich kenne meine Pappenheimer. Und ihn nicht. Also ist der ok.” Da hab ich auch geheult. Vor Wut. Unglaublich.
UNGLAUBLICH.
Da fällt mir ein, ich sollte mal …
Und dann schlägt man als Anwalt nicht mit der Faust auf den Tisch und betont sehr deutlich, dass das so nicht gehen kann? *shocking*
“Musste mich vergleichen” ist schon mal der Widerspruch in sich, gell?
Sehr berechtigte Frage Biggi. Wie wäre es mit Befangenheitanträgen? Gründe gäbe es viele. Aber vielleicht hat sich da jemand nicht getraut; man (Anwalt und Richter) sieht sich ja öfter.
Kein Einzelfall, das. Oh nein.
Was wäre denn gewesen, wenn Frau A weiterhin Nein zum Vergleich gesagt hätte?
Oder mal mit dem Kollegen rausgegangen wäre, um den Wahnsinn zu beraten?
Keine Ahnung. Aber in anderen Fällen sprang R auf, schrie wutentbrannt los, rannte aus Sitzungssaal, knallte Tür zu und ließ Parteien allein. Dann besprachen sich die Anwälte. Und verglichen sich. Allerdings anders als vom Gericht angedacht… also, wie man sieht, es funktioniert. Immer irgendwie…
Muss, ne?
Aber Qualitätsmanagement in der Rechtsprechung, das wäre mal ne Idee, wie’s scheint …
Aber wer weiß, wie ich mich aufführen würde, wenn ich Honorarkönigin wäre.
) Willkür rules!
Stimmt. Die sind gar nicht rausgegangen. Dabei besteht doch ein Vergleich in erster Linie in Vor-der-Tür-Besprechungen.
ich weiß das.
Gut (wenngleich nicht zwingend, Susi). Was fällt noch so auf, was R und X jeweils nicht so ganz korrekt taten? Keine Rückwärtsgeschichte, nein…
oh, avanciert dieser Thread zu einem kostenlosen Juraseminar?
Das finde ich klasse.
Hm. Hm. Scheint irgendwie alles ziemlich falsch.
Die richterliche Unabhängigkeit hat ganz klar auch ihre Schattenseiten. Seufz.
Ich weiß nicht, ob das Anfassen der Mandantin so ganz koscher war. War’s das?
Zweite Möglichkeit: X und Y hätten ein Einknicken ihrer Mandanten verhindern müssen. Oder die TV-Rechte fürs Dokudrama verkaufen, Tränen gehen immer. Für mehr als Eins Acht.
As Susi says. So richtig richtig hat es irgendwie keiner gemacht, fast nirgendwo.
Anfassen von Mandantinnen ist immer koscher. Lol. Nee, beruhigende Gesten sind ja schon ganz o.k. Allerdings hätte X es latürnich nie so weit kommen lassen dürfen.
Der Vergleichsdruck, den manche Richter aufbauen, ist schon ein Problem. Dieser Fall ist sicherlich total krass, wiederholt sich aber bei o.a. Richter durchaus. Andere arbeiten mit subtileren Methoden (“jetzt enttäuschen Sie mich aber” o.ä.). Ein klares und endgültiges “Nein” zum Vergleich ist zu akzeptieren. Ach ja. Ich sollte doch noch mal ein Büchlein schreiben, ich sag`s doch…
Herrlich beschrieben!
Nicht gut das. Gar nicht gut.
Aber mir stellt sich eine ganz andere Frage. Die, woher Du das so genau weist. Warst Du Y??? Etwa???
Nein. Öffentlichkeit. Ich wartete auf die nächste (meine) Sache, Richter war zu spät, und ging so mit rein.
Hatte die Frage erwartet, lol.
Wenn, dann wäre er wohl X gewesen.
Er ist doch immer auf der Seite der Rechthaber. Ne?
Das sagst du jetzt nur wegen dieser Armberührungsgeschichte. Pffft.
Michi kann nicht X sein. Denn dann wären X und A mindestens dreimal nach draußen gegangen …
Stimmt genau, Michi.
Und Susis Argumentation ist auch absolut stichhaltig.
Ich geh auch immer gern raus. Und weg.
Also wirklich. Wegrennen ist auch keine Lösung. Und wer wegrennt, kommt irgendwann doch wieder. Und bedenke: semper aliquid haeret. Das musste jetzt sein.
Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage. So.
Geklaut!
Stattgegeben. Aber Klau is hier nix Klau, weil keine kleine Münze, nur handwerkliches Geschick und dann auch noch Gemeingut geworden.
Ich hab heute übrigens anscheinend Zeit für zum Umklagekümmern. Oder doch Golfspielen? Vielleicht krieg ich beides hin.